Wasserstoffglühen für die Zukunft der Stahldrahtindustrie

/ Nachhaltigkeit

Walz- und Ziehdraht

EBNER Industrieofenbau | Peter Seemann, Senior Principal Technology Expert

Wasserstoffglühen für die Zukunft von Stahldraht

Auf der wire Düsseldorf präsentierte EBNER die neuesten Entwicklungen der HICON/H₂® Haubenofenanlage für die Stahldrahtindustrie. Im Interview spricht Peter Seemann, Senior Principal Technology Expert, über die Markttreiber hinter der Technologie, die praktischen Vorteile von Wasserstoffatmosphären und Innovationen, die Drahtproduzenten dabei unterstützen, höhere Effizienz, geringere Emissionen und eine konstant hohe Produktqualität zu erzielen.

Auf der wire Düsseldorf haben Sie die neuesten Entwicklungen der HICON/H₂® Haubenofenanlage vorgestellt. Warum ist diese Technologie gerade jetzt besonders relevant für die Stahldrahtindustrie?

Mit den neuesten Entwicklungen der EBNER HICON/H₂® Haubenofenanlage adressieren wir drei zentrale Prioritäten, die Investitionsentscheidungen in der Stahldrahtindustrie derzeit maßgeblich prägen: Energieeinsparung, höhere Effizienz und geringere Emissionen. Diese Themen zählen aktuell zu den dringendsten Herausforderungen für Drahtproduzenten – sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht.

Welche Marktanforderungen oder Kundenherausforderungen waren die wichtigsten Treiber hinter den neuesten Innovationen in der Wasserstoff-Haubenofentechnologie von EBNER?

Die wichtigsten Treiber sind der Bedarf, den CO₂-Fußabdruck aus Gründen des Klimaschutzes zu reduzieren, sowie die wachsende Notwendigkeit, beim Einsatz von Brennstoffen und Energie flexibler zu werden. Mit den neuesten Innovationen reagiert EBNER genau auf diese Anforderungen, indem nachhaltiger Betrieb mit hoher Prozesssicherheit und wirtschaftlicher Effizienz kombiniert wird.

Reine Wasserstoffatmosphären sind ein wesentliches Merkmal von HICON/H₂®. Welche Vorteile bieten sie in Bezug auf Oberflächenqualität und Materialeigenschaften?

Auf Basis der jahrzehntelangen Erfahrung von EBNER im Wasserstoffglühen und bewährter Sicherheitskonzepte können Kunden die besonderen Eigenschaften von Wasserstoff voll ausschöpfen. Als Gas mit geringer Dichte ermöglicht Wasserstoff eine hohe Konvektion bei gleichzeitig geringerem elektrischem Energieverbrauch. Darüber hinaus entfernt Wasserstoff Ziehschmierstoffe chemisch vom Material und bietet ein stark reduzierendes Potenzial. Das unterstützt eine ausgezeichnete Oberflächenqualität und konstante Materialeigenschaften.

Für Drahtproduzenten sind Temperaturgleichmäßigkeit und entkohlungsfreie Oberflächen entscheidend. Wie verbessert HICON/H₂® diese Aspekte im Vergleich zu bisherigen Lösungen?

Das vollständig abgedichtete HICON/H₂® Systemdesign von EBNER ohne externe Wärmetauscher sorgt für eine hoch reproduzierbare Ofenatmosphäre mit sehr niedrigen Taupunkten. Dadurch entstehen während des gesamten Glühzyklus stabile Prozessbedingungen. Das trägt zu einer ausgezeichneten Temperaturgleichmäßigkeit sowie zu entkohlungsfreien Oberflächen bei.

Sphäroidisierende und rekristallisierende Prozesse stellen besonders hohe Anforderungen an die Glühtechnologie. Welche Innovationen helfen dabei, konsistente Ergebnisse über die gesamte Charge hinweg sicherzustellen?

Konsistente Ergebnisse über die gesamte Charge hinweg werden durch das Zusammenspiel aus präziser Atmosphärenregelung, optimierter Gaszirkulation und einer besonders gleichmäßigen Temperaturverteilung erreicht. Diese Faktoren sind vor allem bei anspruchsvollen sphäroidisierenden und rekristallisierenden Prozessen entscheidend, da bereits kleine Abweichungen die Mikrostruktur und die nachgelagerte Verarbeitung beeinflussen können.

In Ihrer Präsentation wurden auch leichte Ofensockel und gewellte Innenhauben hervorgehoben. Welche Vorteile bringen diese konstruktiven Details den Kunden im täglichen Betrieb?

Diese Konstruktionsmerkmale reduzieren das Tara-Gewicht, das in jedem Zyklus aufgeheizt und abgekühlt werden muss. Dadurch verbessert sich die Energieeffizienz der Anlage insgesamt. Gleichzeitig bietet die gewellte Ausführung eine hohe mechanische Steifigkeit und trägt zu einer langen Lebensdauer im täglichen Betrieb bei. Für Kunden bedeutet das einen geringeren Energiebedarf kombiniert mit langlebiger, robuster Anlagentechnik.

Flammlos-Brenner und smartes Gasmanagement wirken auf den ersten Blick wie technische Details. Welche messbaren Auswirkungen haben sie auf Emissionen, Effizienz und Betriebssicherheit?

Im EBNER HICON/H₂® Konzept haben diese Features direkte und messbare Auswirkungen. Flammlos-Brener tragen dazu bei, Emissionen deutlich zu reduzieren, während smartes Gasmanagement die Brennstoffnutzung und die Prozesseffizienz insgesamt verbessert. Gleichzeitig unterstützen beide Technologien einen stabilen und sicheren Betrieb, indem sie kontrollierte und optimierte Verbrennungsbedingungen gewährleisten.

Peter Seemann

Welche der jüngsten Innovationen hat bisher die stärkste Kundenresonanz hervorgerufen – und warum?

Das stärkste Feedback gab es bisher eindeutig für das EBNER Softwaremodul ATMOSPHEREperfect. Kunden schätzen vor allem das Einsparpotenzial: Bis zu 25 % Wasserstoffeinsparung und bis zu 30 % Stromeinsparung sind möglich – bei gleichzeitig hochstabilen Prozessbedingungen.

Sie haben Energieeinsparungen von bis zu 30 % erwähnt. Wie wird das im praktischen Betrieb erreicht?

In der Praxis erreicht EBNER dies durch intelligente Prozesssteuerung und den gezielten Einsatz digitaler Optimierungstools. Das System überwacht den elektrischen Strom, der für den Antrieb des Umwälzventilators im Ofen benötigt wird. Ein höherer Strombedarf zeigt an, dass mehr verdampfte Schmierstoffe die Atmosphäre verunreinigen. Auf dieser Basis spült das System automatisch nur dann, wenn es notwendig ist – und immer auf dem optimalen Niveau. Dadurch wird der Gasverbrauch minimiert und gleichzeitig der Strombedarf reduziert, da eine leichtere und sauberere Atmosphäre weniger Energie für die Zirkulation benötigt.

Würden Sie die wasserstoffbasierte Wärmebehandlung als langfristige Nachhaltigkeitslösung für die Drahtindustrie insgesamt beschreiben, oder hängt das von der jeweiligen Anwendung ab?

Das muss differenziert betrachtet werden. Ungebeizter Walzdraht wird typischerweise unter Stickstoff geglüht, da die Reduktion von Zunder andernfalls zu Entkohlung führen kann. Für die meisten anderen Anwendungen ist Wasserstoff jedoch sicherlich eine optimale Atmosphäre. EBNER sieht hier klare Vorteile in Bezug auf Prozessleistung, Oberflächenqualität und Nachhaltigkeit.

Peter Seemann

Wie wirkt sich eine homogenere Mikrostruktur auf die Weiterverarbeitung und die Endqualität des Drahtprodukts aus?

Drahtcoils sind letztlich sehr lange Produkte. Deshalb ist eine homogene Mikrostruktur entscheidend. Eine gleichmäßigere Mikrostruktur ermöglicht ein störungsfreies Ziehen ohne Drahtbrüche und führt zu einer konstanten Endproduktqualität über die gesamte Drahtlänge hinweg. Das ist einer der zentralen Gründe, warum EBNER so großen Wert auf einheitliche Prozessbedingungen über die gesamte Charge legt.

Welche Trends im globalen Draht- und Walzdrahtmarkt werden Ihrer Meinung nach die nächste Generation der Glühtechnologie prägen?

Ein interessantes Wachstumsfeld sind Anwendungen im urbanen Verkehr, etwa Gondeln und Seilbahnsysteme. Die dafür eingesetzten Seile sind hoch sicherheitskritische Produkte und erfordern daher äußerst hohe und verlässliche Qualitätsstandards. Darüber hinaus werden wir uns verstärkt auf Kabel und Drahtanwendungen im wachsenden Bereich der Rechenzentren konzentrieren. Für EBNER bedeutet das, dass zukünftige Glühtechnologien weiterhin maximale Prozessstabilität, Reproduzierbarkeit und Materialkonsistenz liefern müssen.

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